Samstag, 29. September 2018

Tanzen im tiefen Busch bei Vollmond

Ich fuhr mit der 6 köpfiges Marimbagruppe nordwärts, die grelle, bald untergehende Sonne quer vor den Augen. Es blendete zu sehr , um schnell fahren zu können Trotz lauter Musik schliefen die Jungen auf den Hintersitzen , Nach einer Stunde erreichten wir das Eisentor vor der Onguma Lodge, direkt vor der Etoscha-Pfanne. Alles wurde vom sog. Torhüter untersucht, so als ob wir für hohen, geheimen Staatsbesuch spielen würden.
Die APC Jungen spielten wunderbar für gehobenere Gäste, wie es schien; denn ich musste meinen Wagen so im Busch verstecken, dass man ja nicht vermuten kann, dass es ganz normale Jugendliche aus Tsumeb sind. Vielleicht wollte der Manager dem Prinzen Williams vormachen, dass es junge Künstler aus Amerika sind.  Auf alle Fälle bekamen sie die besten Komplimente, und eine Dame erklärte, dass dies wäre Musik sei, nicht jene Künstler, die, sofern sie diese für eine Show einlade, mit kilometerlangen kabeln und Amplifier ankommen und zuerst nach Steckdosen fragen. Dann der lärmige Bum Bum.
Und nun so etwas: Traditionelle Instrumente aus Afrika vermischt mit klassischen Instrumenten aus Europa: Marimba, Trommeln mit Geige und Cello.

Künstler und Arzt


Eben lief ich zur Kontrolle durch den APC Garten, als ein harter Knall auf der Strasse nebenan uns alle hier erschreckte: Die Ambulanz rammte einen Personenwagen. Viele Leute stürmten zusammen. Ich konnte nicht mehr recht sehen, wer da im Fehler war; denn die Polizei war diesmal schnell angerast und zog den Ambulanzwagen weg. Ein Zuschauer kam auf mich zu und erzählte, dass diese Ambulanz gerufen wurde, um bei der nächsten Kreuzung die Verwundeten und Toten aufzulesen, die aus dem dort überschlagenen Ambulanz-Wagen rausgeworfen wurden. "Harte Sache,"sagte er;"denn die erste Ambulanz mit lauter Sirene war auf dem Weg vom Spital Tsumeb, geladen mit Schwerkranken, um sie in ein Not-Krankenhaus in eine andere Stadt zu fahren. Doch der Tsumeber Stadtpräsident in seinem Personenwagen ignorierte die Ambulanz, wich gar nicht aus und rammte diese Ambulanz, die  es dann überschlug. Ins Gefängnis gehört dieser Schurke!" rief mir der verärgerte Mann zu.
Kurz darauf rannte ein Mann ins APC herein, telefonierte mit seinem Handy und drehte sich im Kreis. Wir dachten, dass da ein Verirrter vom Unfall, eventuell der Fahrer, etwas gestört war. So ging ich sachte zu ihm hin und fragte, ob es ihm gut gehe. Nicht so gut , meinte er, aber wenn er ein Klavier jetzt hätte, würde er glücklich sein.
Ich führte ihn ins Piano-Hüttchen. Er setzte sich hin, fuchtelte etwas wild und fragte , wie das Ding da funktioniere. Da war es mir wie klar, dass er unter einem Schock litt.
Doch als ich den Deckel des Klaviers hob, begann er zu spielen, zuerst eine Eigenkomposition mit starkem Ausdruck, dann folgte der berühmte Hummelflug, einige Klaviersonaten von Beethoven usw. Alle Lehrer vom APC versammelten sich in diesem Hüttchen und staunten über so ein Können.  Wir hörten dem Mann über eine Stunde zu. Es schien, als würde er uns alle gar nicht wahrnehmen. Er spielte und spielte die schwierigsten Klavierstücke, die es gibt, einfach auswendig. Ein junger Lehrer sagte so hintenherum, dass dieser Mann es mit Teufel zu tun haben muss. Doch schnell wendete ich ein; dass dieser Mann direkt vom Himmel kommen müsse.  Der Künstler muss uns gehört haben; denn er drehte sich um und erzählte, dass er überglücklich sei, das APC entdeckt zu haben.
Dann begannen wir ihm Fragen zu stellen.
Nach all den Antworten, die er uns gab, wussten wir mehr über ihn: Er war Augenarzt in Pretoria, nun wolle er mit Süd Afrika abschliessen und in Namibia, direkt gegenüber des APC eine Augenklinik eröffnen. Die Regierung bat ihn darum; denn in ganz Namibia gibt es keinen diplomierten Augenarzt.
Ich fragte ihn , ob er nicht Pianist sei; denn so ein Können setze doch berufliche Fähigkeiten als Pianisten und ein langes Üben voraus.  Seine Antwort war:
"Ein guter Arzt ist auch ein Künstler!"
Er kommt nicht nur täglich ins APC spielen; er wohnt nun sich im Lehrerhaus, im sog. Peter Gruber Haus.

Sonntag, 23. September 2018

Hohe Performance der Gefangenen


Einige unserer APC Lehrer wurden ins Gefängnis eingeladen, um die Konzerte, Tänze, die Theater, die Visual Art-Werke , welche von den Gefangenen dargeboten werden, zu hören und zu sehen. Hier warten unsere APC Leute  über eine Stunde, bis endlich ein Regierungsrat eintritt. Es bestehen hohe Sicherheitsregeln. Das Warten macht ungeduldig. Es ist so unanständig, wenn Hunderte warten müssen, bis endlich so ein Regierungsheini, der meint, mehr zu sein als normale Bürger, eintritt, eine Arroganz sondergleichen.
Nun zu den Darbietungen: Einfach perfekt,  man sieht hier Genies tanzen, singen, Drama Darstellungen usw.
Das bestätigt wieder die alte These: Hätte man Schulsysteme, wo auch Genies und Talentierte gefördert würden, bräuchte man nicht so viele Gefängnisse. Es sind ja immer die Unterforderten, die in der Schule Blödsinn treiben, rausgeworfen werden und somit keine Chance für eine weitere Bildung zu bekommen. Dann werden sie halt kriminell.
Wir APC Lehrer erteilten letztes Jahr Kurse in Musik und Malen hier im Gefängnis. Da war ich wirklich überrascht, wie viele aussergewöhnlich schnell lernten. Ein Insasse schrieb mir, dass er nach seiner Entlassung im APC mitarbeiten möchte. Auf den freue ich mich.

Samstag, 22. September 2018

Er hat uns den Weg gezeigt


Arm und doch würdig sind diese Herero Leute , die Hans Leu jeweils am Sonntag in Okakarara (120 km) von Otjiwarongo entfernt, bereut hatte. Die Frau in ihrer Herero Tracht erzählte heute, dass sie Hans Leu nun gehen lassen ; denn er hatte uns den Weg gezeigt, wie wir selber aus der Armut herauskommen können, ohne immer nur die leere Hand hinzuhalten oder Gott um das und jenes anzubetteln. Sie erklärte weiter, dass sie von ihm gelernt hätten, immer direkt zu sein und gerade aus  zu gehen.
Eine andere Frau spielte ein kleines Theater vor, kleidete sich wie Hans Leu, kämmte sich ähnlich und dann imitierte sie nicht nur seine Tonart, sondern den Inhalt einer seiner Lieblingsreden. Sie fügte hinzu, dass sie der Staubschimmel eine Stufe über ihr nichts angehe, das Leben sei wichtiger. etc. Das war die letzte Nummer des 4 1/2 stündigen Gottesdienstes. Die Leute durften lachen, und der Beerdigungsgottesdienst war zu Ende. Alle Teilnehmer erhielten draussen eine kleine Verpflegung von den Schwestern vorbereitet.

Die halbe Welt jammert, dass ihre Kirchen leerer und leerer werden; doch hier, wo Hans Leu die Pfarreien betreute, nehmen die Teilnehmer Zahlen zu.


Es nimmt uns alle wunder, wie ein Mensch diese Arbeiten fertig brachte.
Er gründete während 10 Jahren 39 Pfarreien im Ovamboland, das flächenmässig grösser als die Schweiz ist, wo es keine Eisenbahn gibt und nur wenig geteerte Strassen; die meisten Wege sind sandig oder ähneln ausgetrockneten Flüssen..
nebenbei war er Supervisor der Arts-performance-Centres, las Hunderte von Fachbüchern über Physik, Zukunft, Psychologie etc.
Bis zum Ende war er gesund

Kein Auge blieb trocken, und ich biss mir die Zunge blutig


Das ist jetzt eine Gruppe aus dem Flüchtlingslager von Osire, das Hans Leu neben 6 Pfarreien auch noch betreut hatte. Die meisten von ihnen flüchteten aus dem schrecklichen Bürgerkrieg im Ostkongo, sie rannten um ihr nacktes Leben: Nur weg, in die südlicheren Staaten, wo die Menschenwürde geachtet wird: Nach Namibia.
Man weiss, was sie neben Hunger alles erleben mussten: Ihre Dörfer wurden niedergebrannt, Eltern erschossen, Kinder missbraucht usw. Ich sehe ihre Gesichter. Sie singen in den verschiedensten Sprachen, auch französisch höre ich zwischendurch und immer wieder das Wort Hans Leu, thanks, ndapandula, merci, etc.. Die sangen ihre Lieder, die jedem unter die Haut ging, und kein Auge in dieser Kirche blieb trocken. Die tiefen Rhythmen der Männerstimmen, die wehmütigen Tenöre und höheren Stimmen der Frauen, darüber die reinen Stimmen der Kinder und Jugendlichen. Als ich sah, wie unseren Marimba Spielern die Tränen runter kollerten, musste ich auf die Zunge beissen, um nicht auch weinen zu müssen.
Ich staunte über das Wunder, wie verschieden stämmige Flüchtlinge in ihrem Lager so tiefgreifende Lieder zusammen brachten.
Ich staunte auch, wie eine Nonne, namens Helen, es mit Geschick bei der Polizei fertig brachte, die Flüchtlinge 130 km aus dem Lager in die Kirche nach Otjiwarongo zu bringen. Die Flüchtlinge werden Hans Leu noch lange vermissen; er war Psychologe und Theologe; er wusste, wie diese Menschen weiter gebracht werden konnten.


Auch dem internen Leiter des Flüchtlingslagers ist das miterlebte Leid im Gesicht geschrieben. Er erzählte, wie sie alle von hans Leu profitieren konnten, wie es ihnen nach den Predigten und Gesprächen besser ging. Er betonte auch, dass Hans Leu der einzige war, auf den sie sich verlassen konnten. Pünktlich, inhaltlich seriös und doch mit viel Humor!
Letzten Weihnachtsabend erhielt ich um Mitternacht von Hans Leu einen Telefonanruf, n dem er mich bat, ihm mein Auto auszuleihen; denn eine Kuhherde sei auf dem dunklen Weg zum Flüchtlingslager in sein Auto gerannt. Er wollte an Weihnachten die Flüchtlinge nicht alleine lassen.

Kein Auge blieb trocken, und ich biss mir die


So viele verschiedene Volksgruppen haben heute an dieser Gedächtnisfeier teilgenommen:
Die hellhäutigen Nama, die dunklen Ovambo, Zambezi-Gruppen, einige vom Kavangogebiet,
Weisse wie Deutsche, Herero und die Leute natürlich vom Ort selber. Alle sangen ihr Dankeslied, und nach jeder Gruppe hielt ein entsprechender Vertreter die eindrücklichen Erlebnisse mit Hans Leu und was sie alles von ihm profitieren konnten.


Plötzlich entdeckte ich einen Hund unter einer Bank. Er war so aufmerksam, als würde er alles Verstehen; auch er blieb 4 1/2 Stunden da, ohne zu bellen. Der Gottesdienst (Messe) dauerte so lange, aber niemand schien sich zu langweilen. Ich nahm für den Fall einer Langeweile ein Buch zum lesen mit; kam aber nicht dazu, dieses aufzuschlagen; denn der ganze Gottesdienst zog auch mich in den Bann des interessanten Ablaufes.


Kein Auge blieb trocken, und ich biss mir


Heute fuhr ich mit einer grossen Gruppe vom Arts-Performance -Centre von Tsumeb nach Otjiwarongo, wo die letzte Gedächtnisfeier von Hans Leu in einer seiner Pfarreien abgehalten wurde. Die Kirche war übervoll, und viele verschiedene Jugendgruppe nahmen mit ihren Fahnen Abschied:
Pfadfinder, Blauring, Jungwacht, Freie Jugendschar etc... Jede Gruppe sang ein Abschiedslied, das sie meist selbst komponiert haben, extra zur letzten Ehre von Hans Leu, der diese Gruppen betreute.

Nach afrikanischem Brauch muss ein Familienglied eine Rede über den Verstorbenen halten. Da aber gar niemand von dieser Familie aus der Schweiz anwesend war, übernahm Beat Henzirohs aus der UNI Fribourg, diese Rolle. Er war ein guter Freund von Hans Leu und kam uns in administrativen und materiellen Belangen des Verstorbenen einfach so selbstlos helfen. Die Leute hörten gut zu, es war mäuschenstill, und viele glaubten einfach, dass er ein Familienmitglied von Hans Leu sein müsse.