Samstag, 11. Januar 2020

Ein interessanter Gitarrist


Kleophas, unser 2. Gitarrenlehrer, steht vor dem Vogel Phönix, der sich aus der hoffnungslosen Asche  zu neuem Leben emporschwingt. Kleophas wuchs in Angola im Krieg auf, floh später nach Namibia und will heute nichts über seine Vergangenheit erzählen. Er kam als Jugendlicher nach Tsumeb, eine weisse Frau betreute ihn und lehrte ihn englisch sprechen. Vor 8 Jahren entdeckte er das APC und die Gitarrenklänge. Seit dem übt er täglich Gitarre und am Nachmittag unterrichtet er die Anfänger, was ihm sichtlich Spass macht.
Er hat sich für die nam. Staatsbürgerschaft beworben, aber die Ämter hier Mühlen sehr langsam, weshalb er immer noch in der Luft hängt. Einmal war er mit einem Polizisten handgreiflich geworden, und dann wurde er eingelocht. Doch ich löste ihn schnell heraus; denn ich wollte verhindern, dass er nach Angola abgeschoben wurde.
Er hat sich inzwischen gut angepasst, spricht einige namibianische Sprachen und scheint der glücklichste Mensch zu sein, an Konzerten ein Lied in seiner Heimatsprache Portugiesisch singen zu können.

Dienstag, 7. Januar 2020

Steilkarriere eines Abgesägten


Ich sass in meiner Küche und trank Kaffee, als plötzlich die Tür aufging und ein Junge laut lachend die Zeitung vor seinem Gesicht hielt und rief (frei übersetzt): "Lis, heute bin ich die nationale Nummer EINS. " Tatsächlich: Andreas Moses stand zuoberst auf der Matura Liste, einer, der als bester die Matura im ganzen Land bestanden hat. Ich gratulierte ihm und wollte seine Punktzahl selber lesen. Da lachte ich natürlich auch; denn er hielt die Zeitung verkehrt. Andreas hatte nur noch 2 Punkte. "Das ist doch eine grossartige Leistung, von einigen Tausend Matura Abgängern der Letzte zu sein!"lachte er weiter.
Nun will er einen Job im APC; denn nirgendwo sonst würde er eine Arbeit bekommen. Er ist nun durch diese unpsychologische Mitteilung in der grössten Tageszeitung abgesägt, gestempelt; als dumm oder unbrauchbar.
Und ich weiss doch, dass er ziemlich intelligent ist, viel Humor hat und die Welt als sehr verkehrt erfährt.
Er hat als einer der ersten Kinder im APC mit dem Geigenspiel begonnen und hat den Mitspielern im Kinderorchester jeweils die schrägen Stege gerichtet und oft auch die Bögen neu bespannt. Wenn aus einer gerochenen Wasserleitung ein Springbrunnen in die Höhe schoss, war er der erste, der herbeieilte und die Röhre flickte.
Wir sind alle froh um Andreas; denn er ist zuverlässig und ehrlich, und alle mögen ihn, vor allem wegen seines Humors.
Seit letztem Oktober ist er der Chef des Musikrepair-workshops. Am Nachmittag unterrichtet er Jugendliche in Viola.
Heute regnete es 3 mal je eine Stunde lang in Fetzen, so dass die Strassen sich in Flüsse verwandelten.
Als ich die Leute wegen des zu starken Regens aufforderte, am Mittag im APC zu bleiben, sagte Andreas, dass er besser heimrennen werde, um seine ältere Mutter aus dem Wasser zu ziehen, falls das Haus sich in ein Boot verwandelt hat; denn sie könne weder rudern noch schwimmen.

Sonntag, 5. Januar 2020

Glückstag, Regen und Pilze


Heute war ein ganz grosser Glückstag für Namibia. Von morgens bis nachts, den ganzen Tag über voll Regen. Alles ist nass. Aus den Termitenhügeln schiessen die Pilze hervor. Eine ungewöhnlich feinschmeckende Sorte, die man Omajova nennt. So können von den Armen  gesammelte Riesenpilze mit Schulsachen für die Kinder eingetauscht werden. Die Schule beginnt nächste Woche, und wer keine Uniform oder keine Schuhe hat, muss der Schule fern bleiben.
Diese Pilze können 3 mal grösser werden als sie hier zu sehen sind.
Auf solchen Regen haben alle über ein Jahr gewartet. Alle sind froher Laune und grüssen einander herzlich.

Donnerstag, 2. Januar 2020

"Diesen Kuss der ganzen Welt" 3sat

Im 2020 wird 250 Jahre Beethoven gefeiert.
Darüber wurde einen Film am Neujahrstag im ARD ausgestrahlt mit dem Titel  "Diesen Kuss der ganzen Welt" 3sat.. Wer sich für Beethoven interessiert und natürlich für das APC, wird überrascht sein, dass die Geschichte eines Jugendlichen (Ronaldo Kandume) vom APC auch erzählt wird.
www."Diesen Kuss der ganzen Welt" 3sat.

Ein Diamant von einer Lehrerin


Selma Ndatolewe Kandjunguluume.
Jeden Nachmittag, wenn die Kinder in den Unterrichtsraum für Flöte stürmen, wird die Selma umarmend begrüsst.
Sie ist die perfekte Lehrerin, hält sich an die kleinste Abmachung, und sie weiss, was Musik im Leben bedeutet, nicht nur für sich, sondern für die vielen Kinder, die sie unterrichtet. Auch die Kinder bleiben nie dem Unterricht fern. Sie sind einfach da, täglich. Was mich am meisten erstaunt: Sie kann die Mädchen über das Pubertätsalter hinaus behalten. Diese Ndatolewe habe ich in mein Nachfolgerteam mit einbezogen.
Ich habe sie noch nie über ihren knappen Hungerlohn klagen gehört.
Wie kam diese junge Frau zum APC?
Es war wie üblich an einem heissen Oktobertag, als sie wie eine vom Müllhaufen entstiegene Frau in meinem Küchentür-Rahmen stand und mich um eine Arbeit fragte . Ich schaute sie an und dachte, dass es besser sei ihr etwas Geld in die Hand zu drücken und sie schleunigst weg zu schicken. Doch sie war schneller und fragte, ob sie hier das dreckige Geschirr abwaschen dürfe. Gut, wagte ich zu sagen. Ich ging in mein Office, und als ich nach einer Weile wieder rauskam, sah ich nicht nur das Geschirr in Ordnung, sogar der Fussboden glänzte. Gleich setzte ich einen kleinen Arbeitsvertrag auf und sie unterschrieb strahlend.
Oft tranken wir Wasser zusammen, wo sich die Gelegenheit bot, sie etwas kennen zu lernen.
Eines Tages erschien sie mit hochgeschwollener Wange und einem roten Auge. Der Freund schlage sie einfach so. Von da an behielt ich sie bei mir.
Nachdem sie das APC angeschaut hatte, war sie ganz fasziniert von den Klängen und wollte am liebsten musizieren lernen. Ich unterrichtete sie zuerst die Blockflöte, dann die Tenor,- Alt - und auch Bassflöte.
Letzten Dezember wurde sie sogar von der Leiterin an der Musikwoche angefragt, ob sie nicht als Lehrerin mitwirken könnte. Im  Orchester spielte sie Querflöte.
Heute dirigiert sie das Anfänger-Orchester im APC , und in wenigen Monaten wird sie in Basel an einem Dirigier -Kurs teilnehmen. Eine Volontärin aus Basel hatte sie im APC kennen gelernt und will sie weiter fördern.
Unglaublich: Es tönt nach Märchen, aber sie sind wahr!

Mittwoch, 1. Januar 2020

Unser Musiklehrer Junias


Junias Nafine spielt hier Zugposaune; er will von allen Instrumenten eine Ahnung haben; denn als Orchester-Dirigent will er dies tun. Doch als er bei der Harfe herumzupfte, gab er dies schnell auf; denn dieser Spaghetti-Spanner, wie er die schöne Harfe nannte, passe ihm nicht:das sei ohnehin etwas für Mädchen.
Er spielt sehr schön Klarinette und war an der Swakopmunder Musikwoche letzten Dezember ein glänzender Spieler. Im APC unterrichtet er als Hauptinstrument Gitarre, lehrt die Anfänger Musiktheorie und Keyboard. Für die fortgeschrittenen Marimbaspieler gibt er noch Unterricht. Am Dienstag und Donnerstag dirigiert er das grosse Orchester. Er ist sehr aktiv, und als ihn kürzlich jemanden fr die Polizei Band motivieren wollte, sagte er entschieden NEIN, auch wenn ihm ein 3 mal höherer Lohn als im APC angeboten wurde.
Ich habe ihn bereits in mein Nachfolgerteam vorgesehen.

Wie kam er überhaupt zum APC?
Es war vor 12 Jahren an einem heissen Dezembertag, als eine Limousine vor meinem Garten anhielt. Ein mürrischer Mann stieg aus und riss einen jungen Buben aus dem Hintersitz, schleuderte ihn gegen den Eisenhag und schrie (frei übersetzt):"Nimm diesen nutzlosen Kerl, behalte ihn und sende ihn ja nicht mehr zu mir zurück. Statt Schulaufgaben zu machen, will er immer nur auf diesem nutzlosen Ding da herumspielen". Da warf er ihm eine Gitarre nach, die auf den Boden fiel und rief weiter:" Gerne würde ich ihn verhauen, aber es ist nur mein Stiefsohn, da kann ich ihm nichts antun, aber ich will ihn nicht mehr sehen, diesen Bengel, der jetzt auch noch aus der Schule geworfen wurde."
Eine Tante , die am Eingang zur Etoscha Pfanne die Touristen und Autos kontrolliert, nahm ihn aus Erbarmen auf; denn er hat sonst niemanden mehr, der oder die für ihn sorgen könnte.
In wenigen Monaten darf er in Basel an einem Dirigierkurs teilnehmen.

Nachtwache im APC


Diese Nacht hatten wir es vermutlich nicht nötig, das APC wegen der Knall Feuer Fröschen zu bewachen, die normalerweise in der Silvester Nacht um 24°° von Jugendlichen überall hin geknallt werden, um sich des Feuers und Knallen zu erfreuen; denn kurz nach Sonnenuntergang kündigte sich ein Gewitter an. Der Nachtwächter setze sich nieder und bat die Himmelsmächte, uns diesmal nicht mit einem heftigen Wind, der alles Versprochene wegfegt, zu enttäuschen.
Kurz darauf verschwanden das Rot und Blau; dunkel wurde es, und die Wolken entluden sich. Auf den Strassen und aus den Bars war ein fröhliches Lachen und einen ausgelassen Lärm zu hören. Nur die Sirenen der Polizei-und Ambulanz-Wagen übertönten etwas bedrohlich. Die Strohdächer blieben nass. So konnte ich die 2. Hälfte der Nacht mit Schlafen geniessen.